Familienzusammenführung – Sätze und Autoren

Wir haben hier ja auch einen sozialen Anspruch, einen kulturellen Auftrag quasi als Mitglieder der maoistischen Netzgemeinde 2.0 – Mist ich würde ja jetzt gern ordentlich zitieren, aber mein Gülleverdrängungsmechanismus im letalen Hypothalamus …nee is Schwachsinn, ich mag dem komischen CDU-Emporkömmling und Schöpfer jener “digitalen Maoisten” Ansgar Heveling einfach nur nicht mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, als er eh schon nicht verdient hat. Zumal dieser Wortakrobat beim Jonglieren mit der Sprache reziprok zum eigentlichen Thema in Erscheinung tritt. Daher weg von den Christdemokraten, zurück zum Anspruch:

Am Arsch

Persönliche Aufholjagd - Dicht auf den Fersen oder voll am Arsch

Meine ganz persönliche Aufholjagd nimmt langsam Formen an, um nicht von euphorisch zwanghaften Ausmaßen zu sprechen. Im mittlerweile fünften Beitrag dieser Woche, will ich mich dem wahrhaft grandiosen Thema des Projektes “52 Bücher – Woche 4″ widmen:

Der schönste Satz

Das absolute Meisterwerk, eine Ansammlung an herausragenden Sätzen und Quelle für einen immensen Anteil von bekannten Sprichwörtern, idiomatischen Wendungen oder Bezeichnungen, die sich bis heute hartnäckig in der deutschen Sprache halten und bewähren, stammt aus der Feder eines der größten deutschen Dichter aller Zeiten. Ständig stolpert man in Goethes Faust über hochmoderne Konstruktionen, die für uns Sprachalltag darstellen, aber hier tatsächlich zum allerersten mal Eingang in den Sprachschatz fanden. Olle Johann Wolfgangs geballte Pranke hat sich Miss Monstrum allerdings wohlweislich gleich geschnappt. Natürlich wäre es bei einem Werk, dass vor schönen Sätzen nur so strotzt, ein Leichtes, einfach wahllos eine andere Seite aufzuschlagen und dort zu zitieren, aber ganz so einfach und reduziert möchten wir uns dann lieber doch nicht aus der Affäre ziehen. Bevor ich deshalb aber zu einem anderen Werk mit wunderbaren Sätzen schreite (es sollen ja durchaus noch mehr geschrieben zu Papier gebracht worden sein – oder mit anderen großartigen “schönste Sätze zum Thema schönster Satz”-Worten), hier eine kleine audiovisuelle Ergänzung zum Faust – kann ja eh nie genug sein. Es folgt also eine kurze Modernisierung, um auch künftige Generationen für die zeitlose Aktualität des Klassikers zu begeistern:

Kommen wir also endlich zum oben angekündigten sozialen Engagement und einem tränenreichen Talkshow-Klassiker:

Familienzusammenführungen

Die gute Tochter unseres nächsten Talkgastes hat uns bereits am Valentinstag das Herz mit romantischem Zeug geöffnet. Meine Damen und Herren, wir dürfen sogleich in unserer illustren Runde den herausragenden Vater der Moderatorin und Schriftstellerin Sarah Kuttner begrüßen, damit er seinen schönsten Satz zum Besten gibt und anschließend flugs wieder die Bühne verlässt, um die Ästhetik des Gesamtkonstrukts durch seine flüchtige Erscheinung zu unterstreichen. Quasi symbolisch für die Vergänglichkeit des Momentes.

Kuttner, Philosoph

Applaus für den Radiomoderator der Herzen (zumindest meines), den herausragenden Philosophen des Sprechfunks, den Regisseur, Erfinder und Tausendsassa KÄPTN KIRK KUTTNER!!!

Die Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers: und andere west-östliche Denkwürdigkeiten

So schonmal der Titel des Werkes, in welchem sich die schönsten Sätze nur so die Klinke in die Hand geben, über den Haufen rennen und gegenseitig eins über die Rübe ziehen. Moment mal – *kurze Vollbremsung* – wieso wird mir erst jetzt bewusst, dass eben diese Schlagzeile eigentlich auch eine Punktlandung in der Rubrik bescheuerte Buchtitel gewesen wäre? Offensichtlich geblendet von zuviel Schönheit fahre ich wohl besser fort mit der nicht ganz einfachen Auswahl der umwerfendsten Aneinanderreihung von Worten dieses Meisters der Sprachkunst. Wem diese Schwärmerei übrigens langsam zu schwulstig wird, der sollte wirklich mal versuchen, die Kodderschnauze live zu erleben, ohne vorm Schöngeist dahinzuschmelzen.

So Mist! Verrannt! Ich mach mir ja immer Elselsohren in die Seiten, welche grandiose Sätze enthalten – dementsprechend sieht Kuttners Buchgewordene Betrachtung der deutschen Fernsehlandschaft auch aus. Ein Werk, welches “eine Propädeutik, eine Handreichung, eine Sehhilfe sein” will, “die es Ihnen ermöglichen soll, dem vermeintlich hirnlosen Treiben auf dem flachen Bildschirm eine tiefere geistige Dimension abzuringen“. Dank der Eselsohren habe ich das Standardformat eines Buchen eigenhändig revolutioniert: Von viereckig auf fünfeckig mit einer herabfallenden Kante oben rechts.

brillianter wortwitz

kleine Veranschaulichung - unter Zuhilfenahme technischer Hilfsmittel in Ermangelung meiner Kamera

Macht die Auswahl aus einem Werk, dass der Autor selbst als ” den Versuch, [...] die Deutungshoheit über die Historie und ihre Bilder von den Kathedern der Universitäten, den Redaktionsstuben selbsternannter Meinungsmacher und nicht zuletzt den T-Shirt-Produzenten zurückzuerobern” bezeichnet.

Ich treffe meine Auswahl also mal spontan nach persönlichem Interessenschwerpunkt und da sticht mir doch gleich das erste Kapitel zur Emanzipation ins Auge (tut dank der konsequent fehlenden Ecke aber kaum weh).

Kapitel 1
TALIBAN IM TELETEST
oder
DIE FRAU IM RÜCKSPIEGEL MÄNNLICHER OHNMACHT GESEHEN

Ich versuche jetzt einfach mal anhand einer Aneinanderreihung der schönsten Sätze hieraus, einen Geschmack vom brillianten Wortwitz dieses epochalen Genies der pointierten Beobachtung zu vermitteln – man verzeihe mir die ausschweifende Definition von “Der schönste Satz” – die Vernachlässigung des Singulars ist lediglich dem Widerwillen geschuldet etwas aus dem Zusammenhang zu reißen. Ohne Kontext keine Schönheit – Ohne Gut kein Böse.
Zunächst muss natürlich erklärt werden, warum er sich bei einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kultur des Fernsehen den Frauen widmet:

Große Männer werden ja in den Annalen immer über die Zahl der Toten definiert, die sie verschuldet haben: 5 Millionen oder 20 Millionen; – Frauen dagegen über die Zahl der Schuhpaare in ihrem Schrank. Nehmen wir nur einmal Imelda Marcos: 1000 Paar besaß sie angeblich. Manche behaupten sogar, 4000, aber auch wenn es nur 500 gewesen sind – im kollektiven Gedächtnis hat Frau Marcos einen Stammplatz. Ihr Mann dagegen, der einst gefürchtete philippinische Diktator Ferdinand Marcos, ist heute so gut wie vergessen, und das, obwohl man ihn im Norden des Landes bis heute in einem Glassarg bewundern kann. Aber – und das lehrt uns schon der Fall Lenin – selbst die größte Sepulkralleistung verpufft vor der manipulativen Kraft der Medien: Einmal mit der Kamera übers Schuhregal geschwenkt, und schon sind 10000 hingemordete Filipinos vergessen!

Soweit, so nachvollziehbar – die Darstellung der Reduzierung des Frauenbildes ist hierbei jedoch noch nicht auf ihrem vorurteilsbeladenen Höhepunkt angelangt – daher zur Ursachenforschung:

Womit wir nach einem kurzen medienhistorischen Exkurs wieder beim eigentlichen Thema wären – der Frau. Küche ist da diesbezüglich natürlich ein höchst problematisches Stichwort. Aber wenn wir ehrlich sind, stellt für Männer alles, was irgendwie anders ist – ob schwarz, behindert oder weiblich –, eine Bedrohung dar und muss deshalb entweder in der Beschreibung domestiziert werden, oder es muss in einem klar abgegrenzten Reservat bleiben: Schwarze im Benetton-Katalog, Tote auf dem Friedhof und Frauen eben in der Küche.

Kuttner widmet sich in seinem Werk sozialisationsbedingt hauptsächlich Sendungen aus dem DDR Fernsehen und gestaltet den Übergang zum Anschauungsobjekt, einer Aufklärungssendung für junge Frauen folgendermaßen:

Der Osten kam ohne die Frauen nicht aus und konnte ihre Arbeitskraft nicht in den Küchen gesamt-gesellschaftlich nutzlos verpuffen lassen

Eine situative Beschreibung von Setting und Ablauf der besagten Fernsehsendung, wird von Hintergrundbetrachtungen wie dieser durchbrochen:

Aber das eigentlich Bizarre ist der Aufklärer, der wie ein gerissener Neufundländer vor dem Schappi-Napf sitzt und den leckeren Fleischbrocken erklärt, wie sie sich vor den gefräßigen jungen Hunden schützen können. Vielleicht trifft man die Situation noch besser, wenn man sich jenen Grimm’schen Wolf vorstellt, der als Geiß getarnt an die Tür der alleingelassenen Zicklein klopft: Also der Mann hat pfundweise Kreide gefressen, aber seinen Hormonhaushalt trotzdem nicht ganz im Griff; ihm wird der Mund trocken, und er muss sich hin und wieder die Lippen lecken, während er seinem Aufklärungswerk frönt.
Man sieht aber auch, dass er bei dem Versuch, größtmögliche Nähe herzustellen, um den Jungfrauen ihre Situation zu erklären, die Hierarchie nie aus den Augen verliert. Er ist derjenige, der vorne sitzt, er ist der mit allen Wassern gewaschene Mann, der Auskenner. Dessen ist er sich natürlich bewusst, und das verleiht seinem Antlitz auch so einen seligen Gourmetausdruck, während die blühende, ahnungslose Unschuld an seinen Lippen hängt oder hängen sollte. Sein Versuch, gleichberechtigte Verhältnisse herzustellen, scheitert. Wenn man nicht im Fernsehen der DDR wäre, könnte man vielleicht darauf hoffen, dass er seine Kreide auskotzt und sich mit fletschenden Zähnen ins Auditorium stürzt.

Geschichtliche und politische Parallelen werden gezogen, welche vielleicht den ein oder anderen überfordern oder langweilen könnten, weshalb ich sie mal eben weglasse und alsbald zu den prognostizierten Folgen, der durch den sogenannten Aufklärer geschilderten Inhalte, kommen möchte:

Nicht genug, dass die DDR-Frauen am Hochofen standen, an Mopeds rumschraubten und die Kugel doppelt so weit stießen wie ihre Landsmänner – nein, jetzt saßen sie auch noch, triumphierend «Sowjetunion – njet, mein Sohn!» trompetend, im Bett und zogen zittrige, schwitzende Knabenhände unbarmherzig aus ihren Schlüpfern vom volkseigenen Damenuntertrikotagenwerk mit Namen – richtig! – «Clara Zetkin»

Und auch wenn nun der ein oder andere vielleicht schon entnervt weggeklickt hat, möchte ich doch das zielgenaue Fazit, welches mir persönlich so aus der Seele spricht, nicht schuldig bleiben:

Ich bin immer wieder erstaunt, dass man sich über das Frauenbild der Taliban so wundert. Der wesentliche Unterschied zu dem unsrigen ist doch kaum mehr als ein technologischer: Was dem Taliban die Burka, ist der deutschen Öffentlichkeit Photoshop mit seinem Rote-Augen-Werkzeug, dem Sofortreparatur-Pinsel und der Möglichkeit, Frauen bis in eine Farbtiefe von 48 Bit nachzubearbeiten. Insofern würde ich für programmatische Bildbearbeitungsbomber für Afghanistan plädieren; Photoshop-Kurse in pakistanischen Ausbildungscamps!
Und um Max Horkheimer zu variieren: Wer von den Taliban redet, darf von Mario Barth nicht schweigen. Unbeachtet von der Öffentlichkeit gelang es dem, mitten in der deutschen Hauptstadt, im Olympiastadion, 70000 geistige Selbstmordattentäter zu versammeln! Kein Bundesinnenministerium schreitet ein, kein Krisenstab beim Kanzleramt interveniert, kein Irren-Experte, kein Scholl-Latour wird um Rat gefragt. Selbst Hendryk M. Broder, Maxim Biller und Durs Grünbein schweigen!

Keine Ahnung, ob das Gesamtkonstrukt nun überhaupt noch nachvollziehbar ist, aber manches kann irgendwie auch so für sich stehen bleiben. Der schönste Satz ist für mich hier jener über Mario Barth, welcher zwar auch ohne die anderen schon eine gewaltige Qualität besitzt (also Satz, nicht Barth), aber im Gesamtzusammenhang schlichtweg ein Bouquet entfaltet, um welches edelste Weine der besten Jahrgänge jene Wortperlen beneiden würden.

Nationalsozialismus, Faschismus oder schlicht Holocaust?

Eine ordentliche Portion Durchgeknalltheit wirkt hauptsächlich bei jenen Menschen interessant, wo die Verrücktheit lediglich schillernde Oberfläche eines vielschichtigen Nährbodens ist. Boah! *sülz* – ich scheine ein echtes Problem damit zu haben, gerade heraus zu sagen: “Dit Fellmonster is knorke. Mir jefällt die Mischung aus Intelligenz und Blödelei.” Na siehste, war das nun so schwer? Muss man immer alles so verklausulieren? Näheprobleme oder lediglich ein Einstimmen auf die Ernsthaftigkeit folgender Problematik der Bücherwoche 26?

Dichtung und Wahrheit - Holocaust in der Literatur

X-Files: The Truth is out there ...oder irgendwo dazwischen

Es ist aber wirklich auch kein einfaches Thema. Nicht nur, dass Unmengen Literatur der unterschiedlichsten Sorte dazu existiert – vom Erfahrungsbericht, unzähligen Biografien, sowohl von Tätern wie Opfern als auch von denen, welche eine Art Mischwesen sind oder sein wollen, über geschichtliche wie politische Auseinandersetzung und wissenschaftliche Analyse zur Entstehung und Verlauf jener nicht so leicht fassbaren Zeit (emotional wie literarisch) bishin zu fiktiver Literatur, die sich dem Thema auf völlig neue Art nähert und damit überwiegend Versuch ist, das nicht wirklich fassbare oder durch vielerlei Tabu ungreifbar gestaltete Thema zu durchdringen. Die Rede ist, man ahnt es schon vom

Nationalsozialismus

Ich bin in vielerlei Hinsicht dieser sehr unkonkreten bis falschen Selbstbezeichnung abgeneigt, dessen Praktiken so wenig mit Sozialismus, auch nicht auf nationaler bzw. “völkischer” Ebene, zu tun hatten. Es bieten sich leider kaum hilfreichere Titel an, die alle Phänomene und Abgründe jener Zeit unter einen Terminus zusammen fassen. Selbst die Shoa, welche sicherlich größtes Symptom jener Zeit darstellt, ist zu kurz gegriffen, gegenüber den Vorgängen, welche da mit anderen Bevölkerungsgruppen auf Opfer- & Täterseite abliefen. Der Holocaust, als nicht auf die Juden beschränkter Begriff für Völkermord, scheint mir daher irgendwie angemessener, wenn natürlich auch nicht allumfassend. Faschismus vielleicht …aber der referenziert ja auch schon wieder weiter.

Eine Auswahl aus diesem manchmal schon abschreckend riesigen Berg an Literatur zu jener an sich schon erschreckenden Zeit zu treffen, kann also nur unzureichend sein. Allerdings wird das ja auch irgendwie wieder durch die bunte Mischung der anderen Beiträge im Projekt einigermaßen relativiert.
Ich möchte mich dem Thema von zwei Seiten nähern:

Die Täter-Perspektive

Auch wenn es die ewige Streitfrage ist, ob man den Tätern von je her nicht mehr bis zuviel Beachtung gegenüber den Opfern schenkt, so halte ich diesen Blick persönlich für einen wichtigen. Er hilft, sich mit eigenen Unzulänglichkeiten in den Dialog zu begeben, zu verstehen, wie solche Mordmaschinerien in Gang kommen können und damit auch, stets wachsam zu sein, um nicht arglos solche Zeiten, Verhaltensweisen und menschliche Abgründe zu reproduzieren.
Natürlich gestaltet sich die Täter-Definition bei einem solchen Massenphänomen auch als eine unheimlich facettenreiche. Fast könnte man die nationalsozialistische Mordmaschinerie mit einem großen Konzern vergleichen, jeder Mitarbeiter, Kunde, Zulieferer und Aktieninhaber trägt seinen Teil der Verantwortung, hat mal mehr oder weniger Einblick in die Abläufe, trägt aber zum Funktionieren des Großen Ganzen maßgeblich bei. Natürlich ist in einer solchen Struktur jeder Mitarbeiter potentiell ersetzbar, die Weigerungshaltung eines Einzelnen, wird also nicht zum Konkurs der Firma beitragen, zudem möchte auch keiner der Arbeitslosigkeit anheim fallen, gibt daher sein Bestes oder versucht sogar innerhalb der Strukturen aufzusteigen. Der Vergleich ist natürlich arg vereinfacht, aber er strukturiert immerhin minimal unterschiedliche Dimensionen von Schuld. Außerhalb des Unternehmen selbst sowie innerhalb vom Firmeninhaber, über die Chefetage, Managements-Ebene bis hin zum kleinen Angestellten oder gar dem Saboteur. Weiterhin gibt er wenigstens einige Motive preis, für die Mittäterschaft in einem solch perfiden Konstrukt.

Hitler privat

"Monologe aus dem Führerhauptquartier" - Eine Einsicht in die obere Führungsetage

Heinrich Heim, Adjutant des Reichsleiter Martin Bormann zeichnete (heimlich?) die allabendlichen Monologe auf, welche Hitler vor seinen engen Vertrauten in kleiner Runde und privatem Ton zum Besten gab. Es ist keine wortwörtliche Mitschrift sondern ein gekürztes Gedächtnisprotokoll, welches sicherlich auch positiv eingefärbt sein kann durch persönliche Bewunderung oder vorauseilendem Gehorsam. Man weiß es nicht. Dennoch bieten diese Monologe einen interessanten Einblick ins Persönlichkeitsprofil des gefährlich charismatischen Menschen hinter der Medienfigur. Damals wie heute wurde war die Person Hitler selbst lediglich durch die öffentliche Darstellung fassbar, ob nun zeitlebens inszeniert oder im Nachhinein betrachtet. Bis zur Lektüre dieses Werkes war mir das erstaunlicherweise kaum bewusst. Aus dem Blickwinkel der heutigen Zeit erscheint es einem bei gesundem Menschenverstand ja eigentlich unverständlich, dass dieser winzige Hampelmann, mit seinem Geschrei tatsächlich die Massen begeistert haben könnte. Die vertraulichen Reden zeigen jedoch einen durchaus belesenen Mann mit teilweise wahnwitzigen, aber auch interessanten Ideen und Weltansichten. Ich möchte diesen Menschen hier keineswegs schönreden, dass da ganz schön was quer lief in diesem Kopf, wird durchaus auch in jenen überwiegend unpolitischen oder zumindest vom Kriegsalltag losgelösten Schilderungen ziemlich schnell bewusst. Eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit diesen privaten Gesprächen lässt jedoch zumindest im Ansatz Verständnis für eine gewisse Faszination aufkommen.

Die Opfer-Perspektive

Einen meiner liebsten Romane überhaupt und eben auch in Hinsicht auf den Nationalsozialismus schrieb Edgar Hilsenrath mit

Edgar Hilsenrath: Nazi & Friseur

Der Nazi und sein Friseur

Dass ich gerade diesen Roman unter der Opferperspektive vorstelle, sollte keineswegs falsch interpretiert werden. Das lyrische Ich ist ganz klar Täter – und was für einer: KZ-Aufseher, Massenmörder & SS-Sturmführer Max Schulz, der überdies seinen besten Freund aus Schulzeiten Itzig Finkelstein und dessen Eltern später im Zuge seines “Berufs” gewissenlos hinrichtet. Das perfide an der Sache ist, dass die Finkelsteins ihm in Kinderzeiten sicher mehr Familie waren als die eigene Mutter, eine Prostituierte und der prügelnde Stiefvater. Überboten wird diese Kaltblütigkeit lediglich von dem Umstand, dass Max nach der Niederlage Deutschlands auch noch die Identität seines ehemals besten Freundes annimmt und nach Palästina reist, um dort ein neues, jüdisches Leben zu beginnen.

deutsch-jüdischer Schriftsteller

Edgar Hilsenrath

Der Roman ist purer Wahnsinn. Edgar Hilsenrath, deutsch-jüdischer Schriftsteller, der im Alter von 12 aus Nazideutschland nach Rumänien floh, nach der Besetzung ins Ghetto verschleppt wurde, bis dieses von der Roten Armee befreit wurde, setzt sich auf eine denkwürdige Art & Weise mit den Schatten seiner eigenen Vergangenheit auseinander. Das Opfer schwingt sich literarisch zum Täter auf, beide Identitäten vermischen sich im Laufe des Romans in einem überforderten Geist. Die Geschichte steckt so voller Sarkasmus, Ironie und Brutalität, dass man sich des Öfteren bei einem fassungslosen oder befreienden Lachen ertappt, sich jedoch gleich wieder, ganz deutsch fragt, ob man das dürfe. So versetzt Hilsenrath den Leser gekonnt in einen grotesken Geisteszustand der Beklemmung und Verwirrung, der vielleicht im Ansatz das Gefühlschaos, welches die Zeit der Nationalsozialisten in Tätern und Opfern auslöste und hinterließ, spüren lässt. Eine wirklich gelungene, unterhaltsame und in mancher Hinsicht heilsame Auseinandersetzung mit den Nachwehen des Faschismus.

Doktortitel – Vom Grabbeltisch auf den Gabentisch

Wir setzen unseren Bericht zur atemberaubenden Aufholjagd im Projekt der 52 Bücher bei der erlauchten Felligkeit fort.

Das nachzuholende Thema heute gliedert sich hervorragend in den derzeit auf dem Vormarsch befindlichen Frühling ein:

Weihnachten

Die Vorfreude ist riesig. Minütlich können die heiß ersehnten Schokoladen-Weihnachtsmänner, Lebkuchen & Co in den Auslagen der Lebensmittel-Fachgeschäfte eintreffen. Marktbeobachter, Kunden sowie Geschäftsinhaber sitzen elektrisiert in den Startlöchern, vor Schaufenstern und campieren in der Süßwarenabteilung.

Im Zuge dessen habe ich vorsorglich auf Groupon auch schon nach Weihnachtsgeschenken Ausschau gehalten – derzeit gibt es dort im Angebot
Doktortitel für nur 39€ das Stück. Wozu kopieren, wenn einem die Dinger schon nachgeworfen werden. Besonders begeistert hat mich die Angebotspalette an Fachrichtungen:

oktor honore causa

Man beachte, dass Universitäten lediglich Titel verkaufen dürfen, welche tatsächlich in deren heiligen Hallen erworben werden können ....ich will unbedingt einige Semester an dieser christlichen Uni studieren ...vor allem Ufologie, Unsterblichkeit und natürlich Exorzismus ....ehrenhalber versteht sich - ich pfähle dann Dämonen auch nur mit meinem goldenen Ehren-Pflock, versprochen!

Ich liebäugele ernsthaft mit einem Dr. h.c. of Exorzism, dicht gefolgt von der Option auf einen Prof. h.c. of Immortality. Wie episch ist das denn bitte?! Beide Titel zusammen würden läppische 87 Euronen beanspruchen. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für mich! Wie überrascht und glückselig ich dreinschauen werde, wenn ich es mir überreiche, lässt mich vor gespannter Erwartung förmlich explodieren. Geben ist halt seeliger dem Nehmen.
Man stelle sich den unfassbar nachhaltigen Eindruck vor, den man mit solcherlei Titeln bei zukünftigen Bewerbungsgesprächen, Parties und FDP-Parteiversammlungen hinterließe. Allein der Gedanke versetzt mich förmlich in Advent-Ekstase.

Nun habe ich vor lauter Vorfreude und materiellen Gelüsten glatt den christlichen Gedanken des Frohen Festes versemmelt. In diesem Sinne Back to the Books:

Das unerwartete Geschenk vom Weihnachtsmann und von Frau Glück und Herrn Liebe – Eva Heller

Eines der wenigen Weihnachtsbücher, die mir einfielen oder gar bekannt sind, neben jenen eh schon viel zu oft besprochenen und erstaunlicherweise auch von jeglichen Mitstreitern des Bücherprojekts vermiedenen Klassikern.
Da versteckt sich aber auch glatt schon der kasus knaxus: Was gibt es groß zu Weihnachten zu schreiben, außer den ewig frommen Stories oder der am Fest der Liebeimmer wieder gern aus der Weihnachtsmütze oder Jesuskrippe gekramten Konsumkritik?

Weihnachtsfest

Die durchaus gelungene Gestaltung hat übrigens der große Michael Sowa genommen ....überstrahlt ei wenig das eigentliche Werk

Eva Heller startet in ihrer Weihnachtsgeschichte den Versuch eines Angriffs auf das geschlechtsspezifische Schenkverhalten und eine kleine Dekonstruktion von genderspezifischen Erwartungen in der zukünftigen Generation. Eigentlich mag ich die recht seicht anmutenden Werke der Autorin, welche beim ersten Blick auf die Aufmachung (Titel, Layout etc.) immer etwas verstörend in die triviale Frauen-Literatur zu rutschen scheinen, im Innern aber dann doch oft wissenswertes, entlarvendes und gesellschaftskritisches verbergen. Bei genauerer Überlegung finde ich diese Herangehensweise genial trickreich – ich ziele auf die Heimchen am Herd und infiltriere hinterrücks emanzipatorisches Gedankengut und kritische Geisteshaltungen zu Machtkonstrukten innerhalb der Gesellschaft bei denen, die eigentlich schon vom Kampfplatz der Geschlechter gegangen zu sein scheinen.
Leider ist ihre Weihnachtsgeschichte dann doch zu arg der platten Belanglosigkeit anheim gefallen. Kann dem Umstand geschuldet sein, dass die Frau Professor (Werbe-) Psychologin und studierte Soziologin hier ursprünglich versucht hat, ein aufklärerisches Kinderbuch zu schreiben und minimal mit den Ansprüchen der Zielgruppe überfordert war.
Eine Zusammenfassung der Story, schenke ich mir anlässlich des Gaben-Fest diesmal und lass das wen anders machen: Man muss ja auch nicht ständig das Rad neu erfinden, wenn’s trotzem fährt.
Die Umsetzung ist schlechtweg zu banal und leicht durchschaubar – vielleicht urteile ich auch lediglich zu stark aus Sicht eines vom Alter her angeblich Erwachsenen, allerdings vertrete ich schon die Meinung, die Auffassungsgabe von Kindern sollte nicht unterschätzt werden – sie sind ja nicht begriffstutzig und wären sicher auch mit einer etwas hintersinnigeren Symbolik klargekommen. Ich fand’s schade weil die Ansätze, die Idee an sich und auch manch schmückendes Beiwerk bei der Umsetzung durchaus Potenzial geboten hätten, hier mehr draus zu machen. Aber was soll’s, es ist ja auch “nur” eine Weihnachtsgeschichte, dafür ist sie ganz nett und ohne die Erwartungen an andere Darstellungen Hellers stellenweise auch wirklich mal ganz witzig.

Kleiner Zusatz ganz exklusiv fürs Fellmonster:
Darauf, mich heute dem Weihnachtsthema zu widmen, kam ich überhaupt erst, dank der Farbdiskussion zwischen dem Krötengeneralerich und deiner WenigFelligkeit. Die gute Frau Heller hat nämlich in ihrem Werk “Wie Farben wirken” unter anderem genau dazu, sowie eine ganze Menge anderer gesellschaftspolitisch & psychologisch beachtlicher Dinge zusammengetragen – und das lediglich am Thema Farben – monströs. Dieses Büchlein ist tatsächlich ein schönes Schmökerwerk, toll ausbalanciert zwischen informativ und unterhaltsam.

HALBZEIT

….peim puscheligen PücherProjekt präsentiert py pompösem Pon Pon-Prachtmonster, Prinzessin Plausch-Flausch

Hochverehrte Damen und Herren, geschätzte Monster, wie ich eindringlich demonstrieren konnte, Alliterationen sind eindeutig nicht meine Stärke. Aber mein eigener Titel sowie die Gesamtsituation rissen mich glatt in den Überschwang.

Bergfest

Sachen, die sich dem Ende neigen, beängstigen mich - ich plädiere auf Verlängerung und ein endloses Elfmeterschießen

Halbzeitbilanz – Projekt 52 Bücher

Ich bin irgendwie ziemlich froh, im Rückstand zu sein – ja, dies ist bezüglich einer Halbzeitsansprache sicherlich eine selten gemachte Aussage. Neben den noch ausstehenden Themen habe ich aber somit auch noch einige andere in der Hinterhand, über die ich mir Gedanken machen kann und mit denen ich die Schubladen für schon gelesene oder noch zu lesende Bücher etikettieren darf. Fühlt sich ein wenig so an, wie die Beruhigung, wenn man mit dem Rauchen aufhören will und noch schnell eine Notschachtel irgendwo vor sich versteckt.
Da ich so gerne Listen mache – hier eine kleine Übersicht, zu meiner bisherigen ganz persönlichen Ausbeute am Projekt der 52 Bücher:

  • es bereitet ganz einfach monstermäßig Vergnügen
  • Eine aus den Nähten berstende WuLi
  • Die Bekanntschaft mit dem Wort WuLi
  • Das Wissen um die Existenz weiterer spannender, bescheuerter und sogar lehrreicher Blogs

Das Wissen, dass über Online Rollenspiele zu schreiben, nicht halb so spaßig und vielfältig ist, wie über Bücher (aber pssst – dieser Stein der Weisen is streng geheim ;) )

Ja, Abstinenz von liebgewordenen Gewohnheiten ist nie leicht, selbst wenn man sich manchmal über sie ärgert – sei es nun der Rauch in den Klamotten & die Kurzatmigkeit beim Ausdauersport oder eben die Themenvorschläge des Bücherprojekts, welche einem manchmal so lange durch den Kopf schwirren, bis man sie endlich geknackt hat.

Jedes Ende ist ein neuer Anfang

Wo eine Tür zugeht, öffnet sich die nächste.
Auf diese grandiose Erkenntnis genehmigen wir uns noch eine Liste. Diesmal zum Thema positives hinter dem langsamen, aber unaufhaltsam näherrückenden und dennoch scheinbar weit entfernten Ende des Projekts:

  • endlich Zeit haben, die ganzen Bücher zu lesen, welche sich durch die verschiedensten Beiträge in meine WuLi geschlichen haben
  • genug vom Projekt gelernt haben, um mal die Disziplin und Fantasie für ein eigenes aufzubringen
  • Tolle Sachen in Verluste hereininterpretieren
Genug der Heulerei! Es liegen glücklicherweise ja noch zahlreiche mehr oder wenig bekloppte, kreative, witzige, bierernste, aus der Luft gegriffene und auch ins Klo zu gießende Themen vor uns. So auch in der verspäteten Bücherwoche 26
Also ganz ehrlich? Soll’n dit? Nicht, dass mir solch Regungen bei Literatur fremd wären. Lateinbücher zum Beispiel – eigentlich faszinierend, wenn man das Zeug nicht anwenden müsste.
Phsychisch tiefergehen sind aber jene Werke, bei welchen man sichbeispielsweise viehisch ärgert, dass man sich so reinziehen lässt in den jeweiligen Roman und die Gedanken der Hauptfigur und findet es sowieso voll blöde, wie sich der Protagonist, dermaßen dämlich verhalten kann – oft gerade weil man im wirklichen Leben eben mit großer oder kleiner Wahrscheinlichkeit selbst in diese Falle gerutscht oder zumindest Gefahr gelaufen wäre dies zu tun. Da einem eben der Blick des auktorialen Erzählers so mitten im Geschehen abgeht. Das ist jedenfalls so ziemlich das einzige Szenario, welches mir bei der Thematik so in den Sinn kommt. Sicherlich in unterschiedlichsten Abstufungen, was den Grad der Verurteilung gegen die literarischen Akteure angeht oder aber auch was die berührende Abscheu bei der Selbstreflektion betrifft. Jedoch irgendwie in diese Richtung geht mein Gefühl. Das Problem ist allerdings, dies nun mit einem konkreten Buch zu verbinden. Das einzige, welches mir dabei sofort durch den Kopf schießen würde, hatte ich zum einen schon im Bücherprojekt behandelt, zum anderen ist es irgendwie auch entlarvend. Das fatalste an der Sache ist jedoch: Dieses verdammte Buch, würde sich auch wunderbar ins Thema der nächsten Woche einfügen: Nationalsozialismus, der schwarze Fleck auf Selbstwahrnehmung, Seele und Vergangenheit.
Da einem beim U-Bahn-Fahren ja bekanntlich immer die besten Gedanken kommen – Verwirrte Menschen behaupten entgegen dieser wissenschaftlich fundierten Tatsache ja, der Ort, solcher Erleuchtungen wäre das Klo – ein durch Filme wie Zurück in die Zukunft geprägter Irrglaube – Sei’s drum, mir fiel jedenfalls ein noch nicht hier erwähntes Werk ein:
Christiane F: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Die Geschichte jener autobiografischen Aufzeichnungen aus dem Leben von Christiane Felscherinow und der Beschreibungen aus der Drogenszene Berlins, sind sicher hinlänglich bekannt, das Werk gehört teilweise ja sogar in den Aufklärungsunterricht an der Schule oder wird von den Eltern zur Abschreckung verabreicht. So überließ auch mein Vater mir jenes Buch damals im Alter von 11Jahren, sicher mit den besten Absichten. An dieser Stelle ein kleiner, aber eindringlicher Hinweis:

 
Liebe besorgten Mütter & Väter,

Lasst es!
In bestimmten Altersabschnitten übt diese Leidensgeschichte, trotz oder gerade wegen der tiefen Einblicke in die dreckigen Ecken der Drogen- und Prostitutionsszene eine nicht unbedingt nachzuvollziehende Anziehungskraft auf viele Jugendliche aus. Das liegt sicherlich auch daran, dass die gute Christiane sich zum Zeitpunkt der Spiegel-Interviews noch nicht von jenem Leben distanziert hatte. Klar sind die Abgründe solcher Karrieren offensichtlich, aber durch alles schimmert auch der Reiz jener Gefahr, das Turnen auf dem schmalen Grat eines Vulkans, zu beiden Seiten der Thrill des tödlichen Abgrunds, welcher die Freiheit und das Machtgefühl jenes Balanceaktes noch spürbarer gestaltet. Die eigene Sterblichkeit zu Realisieren ist jedoch ein Vorgang, der in diesem Alter gerade noch aktiv im Verarbeitungsprozess ist und tiefe Gefühle auslösen kann, was wiederum zur Theatralik neigende Individuen stark fasziniert. Jene, die noch in der Phase einer vermeintlichen Immortalität festhängen werden ebenso herausgefordert.
In einer Lebensphase, wo Abgrenzung zu vorgelebten Lebensmodellen und das Finden des eigenen Weges eine übergeordnete Rolle spielt, werden solch unterschwellig glorifizierenden Darstellungen erfahrungsgemäß öfter als gedacht, von den adoleszenten Lesern fälschlicherweise eher als leuchtender Wegweiser interpretiert.

 
Es gab eine Zeit, da kam diese Biografie für mich, bis dato größter Drogengegner und Vernunftmensch, der erweckenden Wirkung einer Bibel gleich.

Herausforderung angenommen

"So - die kleine Babs war also mit 14 Jahren die Jüngste Drogentote Deutschlands?" - Wahnwitz und Irrealität von Menschen des Zeitabschnittes "Kaum Kind mehr , noch nicht erwachsen"


Dementsprechend häufig wurde dieses Werk auch von mir verschlungen, durchdrungen und zerlesen. Vermutlich habe ich mich danach keinem Buch mehr so intensiv und häufig gewidmet. Mir sind später so einige über den Weg gelaufen, denen es mit jenem Schriftstück ähnlich ergangen ist.
Seit einigen Jahren ruht das gute Spiegel-Werk im Giftschrank – wie so einiges anderes auch.

Nachruf auf Berlin

…nich uff die Hertha, die is mir voll schnuppe

Wir atmen tief ein.
Wir atmen tief aus.
Wir heißen uns selbst “Willkommen zurück” zum Online-Rollenspiele Blog mit literarischem Schwerpunkt.
Wir raffen uns auf und versuchen wieder konstruktiv den Anschluss zu finden.

“Wir wollen wir Kinder sein!
Nämlich dumm und Eins-Dreissig.
Wir stellen uns neben die Fussbodenheizung und bräunen uns den Hals. Das ist nicht einfach so daher gesagt, das ist dumm.
Wir wollen dumm sein!
Wir gehen auf eine türkische Hochzeit und zuppeln den Männern an ihren Schnauzbärten. Dankbar lassen wir uns die Fresse polieren und hinken von dannen.
Dort draussen atmen wir tief durch. Wir geben unserem Atem einen neuen Namen:
Wir atmen einen Lutz.”

 

- Rainald Grebe, Gott und Berliner ehrenhalber -

Ich gebe es zu, ich war zutiefst antriebslos und bin es eigentlich jetzt noch. Nicht nur, was dieses Blog betrifft, sondern generell. Keine Ahnung, was los ist, vielleicht habe ich mir eine akute Frühjahrsmüdigkeit eingefangen, eventuell ist es aber auch irgendetwas ganz dramatisches – ich neige ja zur Hypochondrie, habe ungefähr alle zwei Wochen einen eingebildeten Hirntumor, phantasierten Blutkrebs und jetzt wohl eine imaginäre Depression. Gegen letzteres hilft bekanntlich einzig und allein das Aufraffen und jenes tatkräftige “Ins Leben Stürzen” …neben Psychopharmaka, die allesamt fett machen und damit nur zu weiterer Niedergeschlagenheit führen würden.

Also widmen wir uns flugs dem Besteigen der angehäuften Berge, überspringen vorerst die Themen der Bücherwoche 26 (welches mich arg ins Straucheln brachte und mir immer noch Kopfzerbrechen bereitet) und auch die Nummer 27. Wir wollen uns zunächst lustigen Sachen widmen. Dingen, die Aufheitern und ganz nebenbei Kraft geben – mir jedenfalls. Fast passend zum Thema des Meisters der abgehobenen Themenvorschläge aka Aga Krötengeneral:

Bescheuerte Buchtitel

bekam ich gestern ein gedrucktes Exemplar einer meiner liebsten Hörstücke in die Hände. Verfasst von einem meiner persönlichen Götter oder Götzen, wie auch immer das theologisch korrekte Denotat hier zu lauten hat, der hohen bekloppten Literatur (bekloppte Literatur, die: höchste Kunstform innerhalb der chaotischen Dichtung ….Verzeihung, ich bin auf Käptn Blaubär hängengeblieben):

Ahne
“Zwiegespräche mit Gott”

und

“Neue Zwiegespräche mit Gott”

Ja, liebe Unken, so bescheuert ist der Titel nicht, dafür aber die Dialoge – bekloppt aber genial und irgendwo tief politisch wie poetisch. Zudem hat mich die Lektüre der kurzen Stücke gestern wieder soweit motiviert, dass ich meine Lethargie durchbrechen konnte, um zurückzukehren in die Blogosphäre – es zählt also.

Achtung! Nun wirds widerwärtig lokalpatriotisch

Wer Ahne nicht kennt, hat erstens gehörig was verpasst, zweitens sicher keinen tieferen Bezug zu Berlin und wird drittens umgehend aufgeklärt:


Eine kleine Hörprobe vorweg

Ahne is eena von die Surfpoeten, von die janz alte Garde da, also Mitbegründa quasi – und Ahne, ihr ahnt es schon, der berlinat janz dufte, so wie alle in meiner Vergangenheit, als Berlin noch nicht gefühlt komplett aus Schwaben, Bayern und Spaniern bestand. Manchmal fühlt man sich hier ja schon wie der letzte Mohikaner. Berliner gibt’s hier kaum noch. Die sind alle ausgewandert. Nach Schwaben und Bayern und Franken und so …seit dit da keene Ureinwohner mehr jibt, sollet wohl janz jemütlich dort zujehn.

Urgesteine wie der Ahne geben einem jedenfalls dieses verloren geglaubte Heimatgefühl zurück – auch wenn ich von diesen patriotischen Floskeln, wie “Heimat” eher Würgereize bekomme, mir fällt grad kein anderes Wort ein, was diese verspürte Entwurzelung besser fassen kann.

Buchvorlesung

Einladung zu einer der Buchvorlesungen - es liest Ahne - als Gott und als Ahne

Die Zwiegespräche mit Gott sowie die neuen Zwiegespräche sind allesamt so geschrieben, wie der Radiomoderator und Lesebühnen-Aktivist auch redet, also volles Rohr im Dialekt. Der Inhalt ist mal plätschernd irrelevant und manchmal zutiefst sozialkritisch. Da wird sich neben Theologie auch mit politischem Tagesgeschehen aus aller Welt, der lokalen Gentrifizierung und dem ganzen Quark auseinandergesetzt, welcher so den gesamtgesellschaftlichen Kosmos färbt. Mit flapsiger Berliner Schnauze und einem non-chalantem Umgang mit Gott, der übrigens in der Nähe der Zionskirche in Berlin Prenzlauer Berg wohnt und manchmal ziemlich radikale oder auch weltfremde Ansichten hat. Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Atheismus (…oder in dem Falle eher Agnostizismus?), aber auch sonstigen Zweifeln, die man halt mal mit wem bereden müsste – und wer bietet sich da in der zunehmenden Anonymisierung jener Hauptstadt besser an als olle Gott? – Eine Rückbesinnung auf alte Werte ohne Rückfall in archaische Verhaltensmuster.

Prädikat: ust jut, wenn nich gar übelst knorke.

Kostenloses Multiplayerspiel „Schlag den Raab“

Nach gefühlten Ewigkeiten mal wieder etwas aus dem Bereich Online-Games.

Man kann von der umstrittenen Medien-Ikone und Namensgeber des folgenden Quizspiel halten, was man will, das Produkt gehört zu den besten Multiplayergames und Partyspielen, die ich seit langem testen durfte. Als VIVA-Wutzemann mit geschätzten zweihundertvierundsiebzig Zähnen weniger war er ein ganz Großer …oder ich in dieser hormonverseuchten Phase (auch Pubertät genannt) schlichtweg verwirrt. Den Wechsel zu ProSieben hatte er damals zunächst auch gut verkraftet und schien anfangs gar den Sender ein wenig zu revolutionieren. Der Sturm jener Revolution flaute jedoch flugs ab und nach einem mäßigen Wind, ist leider nur noch ein lauer Pups übrig geblieben. Die Rede ist von keinem geringeren als dem Medienphänomen schlechthin, Stephan Raab. Man weiß ja nicht, was da los ist, aber die teilweise grandiosen Ideen, welche das scheinbar tüchtige Produktionsteam dort  hinter den Kulissen auf die Beine stellt, schafft das Uhrgestein (“Wie haben doch keine Zeit”) regelmäßig durch Timing-Patzer, “Ähm”-Inflation und überladen künstliche Attitüden einzureißen. Dennoch sind die grundsätzlichen Ideen, vor allem im Event-Bereich ziemlich genial:

Skillspiel – Schlag den Raab

Am 28. Mai 2010 erschien das Multiplayerspiel “Schlag den Raab” bereits. Vor einer Woche schleppte es mein guter Freund, jener mit dem Käpt’n Blaubär-Buch, bei mir an. Das gemeinsame Anzocken fand damit also nahezu auf den Tag genau 2 Jahre später statt.

Das Skill-Game basiert auf der bekannten Fernsehshow “Schlag den Raab” , welche nunmehr schon seit 2006 in den Brainpool-Studios von Köln-Mülheim produziert wird und in gefühlt immer kürzer werdenden Abständen, einen vom Publikum gewählten Spieler in mehreren Minispielen wie dem Kartfahren auf der Eisfläche, gegen den TV-Total Moderator Stefan Raab antreten lässt. Dabei darf dem Entertainer leider nicht, wie der Titel jener Fernsehshow suggeriert, die Kauleiste manuell auf Werkseinstellung zurückgesetzt werden, vielmehr muss das Multitalent in einer Vielzahl abwechslungsreicher Spiele zwischen Denksport, Taktik und fantasievoller Aktion bezwungen werden. Dem Herausforderer winkt dabei eine Million Euro, wenn er mehr Punkte erzielt als Entertainer Stefan Raab. Ein Spiel ergibt immer so viele Punkte, wie es in der Reihenfolge steht.

In dem Multiplayerspiel selbst spielt man zu mehreren gegeneinander – also nicht gegen Herrn Raab höchstpersönlich, sondern in sympathisch illustrer Runde gegen Freunde oder gar auch Fremde. Dabei steht der Spieler des Online Games einer facettenreichen Auswahl an Minispielen verschiedenster Kategorien gegenüber: Geschick, Sport, Wissen und Wagemut alles was das Zocker-Herz begehrt. Was wäre “Schlag den Raab” ohne die Hackfressen Stars der Fernsehshow? Der Gott des Abendprogramms himself Stefan Raab, der TV-Moderator Matthias Opdenhoevel (VIVA, TV Total, Wok-WM, TV Total Turmspringen und alle überhaupt noch kommenden Raab-Produktionen und Game-Shows) sowie Quizmaster Elton (der Fakepraktikant aus „Kassieren oder Balmieren“) tauchen als optisch optimierte Karrikaturen am Rande des Games immer wieder auf. Das ist zwar für den Spielverlauf komplett irrelevant, aber auch als Eher-Nicht-Fanin durchaus amüsant. Die Grafik des Skillspiel zur Erfolgsshow ist tatsächlich attraktiv, zudem supi als Ersatz zum Horrorfilme geeignet, das Adrenalin schießt bei jeder Einblendung vom Revolvergebiss in unermessliche Höhen und das geschieht nicht selten, da Stefan Raab während des Spiels unauhhörlich seine “witzigen” Sprüche raushaut.

Multiplayergame raab

Waaah - Schreck lass nach!

Multiplayergame – Raab schlagen – gerne – nur wie?

Das Online-Game funktioniert folgendermaßen: Man kann zu zweit gegeneinander zocken oder auch in Teams, die aus bis zu jeweils vier Spielern bestehen. zur besseren Spielübersicht und um den Mitfiebereffekt fürs Team zu gewährleisten, können maximal zwei Personen gleichzeitig gegeneinander antreten. Von Runde zu Runde wird dann abgewechselt. Insgesamt lassen 21 Mini-Spiele und über 2000 Quizfragen die Spieler schwitzen und ausflippen. Vor jeder Runde/Disziplin wird das Gameplay genauer erklärt, so dass der Spieler schnell mit dem Spiel vertraut wird. Im Gegensatz zu anderen kostenlosen Online Games die auf dieser Gesellschaftsspiel-Welle mitreiten, bietet dieses Game eine große Palette bekloppter Einzelgames und wird dadurch nicht eintönig. Nach dem Zocken dieses unterhaltsamen Skillgames, hab ich trotz aller Zweifel tatsächlich in Betracht gezogen, dass der Einschalt-Quotenschlager „Schlag den Raab, der gar ausländischen Sendern zu Erfolg verhalf, 2007 nicht ganz sinnlos für den Adolf-Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung/Spezial nominiert war. Neben dem Online-Game und der fernsehshow zum passiv spielen existiert auch noch die offline Variante namens Brettspiel und ein Game für die Wii – vom Spaßfaktor und Aufbau her sind die Spiele wohl alle recht ähnlich und damit durchaus empfehlenswert ….ob man den Stefan Raab nun mag oder nicht. ;)

Zukunftsmusik

Die Mayas haben sich verrechnet!

ende der welt 2012

Hihi

Oder zumindest jene, die an den Maya-Kalender und dessen Aussagekraft zwecks Weltuntergang glauben.

Maya Prophezeiung

Haha

Ich sag es ja nicht oft, doch dieses Jahr schon das zweite Mal in Folge: Ein Hoch auf die Mathematik! Dank der Nichtberücksichtigung von Schalttagen und Schaltjahren ist das Ding mit dem Ende der Welt nämlich schon längst gelaufen – wieder mal.

Maya-Kalender

Höhö - Einen noch ....dann is aber gut, mit den Kindereien!

Und dennoch: Das kollektive Beharren auf diesem Datum lässt die Zeichen sich mehren – oder vielleicht auch nur die Interpretationen der Signale in diese apokalyptische Richtung laufen. Sei’s drum, lasst uns ein wenig abergläubigen: Neben dem massigen Vogel- und Fischsterben Anfang des Jahres 2012, dem Wettlauf zum 3. Weltkrieg (wo knallts zuerst? Bei der den Sylvestervorbereitungen des Nachwuchses eines großen Glotzers oder doch durch den ganz überraschend “notwendigen” Einmarsch der Öl-Lobby in den Iran?) bietet auch das Fellmonster mittlerweile Anlass zur Sorge: Bisher hat die Ankündigung eines “leichten Themas”, jenes federgewichtige Adjektiv eher ad absurdum geführt, diese Woche scheint Miss Puscheligkeit jedoch den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Was ist da los? Ein Zufallstreffer? Realitätswahn? Wir wissen es nicht, aber wenn nicht bald Schokoweihnachtsmänner in den hiesigen Regalen erscheinen und ich beim Kauf eines Hustenbonbons in der Apotheke meines Vertrauens nicht umgehend mit kitschigen Katzen-Kalendern beworfen werde, beginne ich mich ernsthaft um den Fortbestand der Menschheit zu sorgen.

Zurück zum Projekt der 52 Bücher mit dem Aufmacher zum Wochenende:

“Das Buch, welches du als nächstes lesen möchtest”

Konkreter geht’s ja wohl kaum. Da ich just gestern die letzte Lektüre beendet hatte, würde ich normalerweise heute durch mein Regal streifen und eines der längst wartenden Exemplare herausziehen – blind, versteht sich. Ein guter Freund hat mir jedoch erst jüngst sein neuestes Lieblingsbuch mitgebracht, versehen mit zwei Hinweisen:

  1. Unbedingt schnellstmöglich lesen!
  2. Wichtige Lebensweisheiten

Ein wenig skeptisch bin ich schon noch, es handelt sich nämlich um

Walter Moers - Käptn BlaubärDen fand ich als Kind zwar ziemlich super, allerdings besaß dieser Seebär schon minimal apokalyptisches: Die wunderschön fantasievollen Stories des lügenden Bären-Kapitäns markierten stets den Endpunkt der Sendung mit der Maus. Unterstützt durch einen thematischen Ausbruch aus dem sonstigen Sendekonzept, markierte Käptn Blaubar den Umschwung von anspruchsvoller Aufklärung zur kruden Verklärung. Sicher hat das ganze auch irgendwo einen pädagogischen Mehrwert – Fantasie und Kreativität ölen ja förmlich den Motor des Lebens, die Neugier. Zudem bleibt der Geist zwischen Wahrheit und Lüge wach und beginnt zu hinterfragen. Ein Sinnbild für den Niedergang der Vernunft ist der blaue Bär also nicht, eher funktionierendes Vorbild für die Schönheit der Unwahrheit. Gut portioniert und nicht übersättigt sollte ein Lügenbär also nicht in den Verdacht geraten, Galionsfigur einer dekadenten Generation zu markieren. Ein wenig Realitätsverlust scheint meinen Buchgeber dennoch beschlichen zu haben, so meinte er, bezogen auf ein Werk, welches ich ihm ans Herz legen und in die Tasche stopfen wollte doch glatt, an solch dicke Wälzer wagt er sich nicht. Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubärs umfassen ja auch nur muckelige 700 Seiten, da ist seine Aussage schon sehr glaubhaft. Es scheint abzufärben. Dennoch: zum ersten mal seit Ewigkeiten ein Buch mit Bildern! Irgendwie schön und viel zu selten. Obwohl ich an meinem Wunsch danach schon direkt nach dem Schreiben zweifle, denn Bilder können ja ziemlich viel Verwüsten in der eigenen Vorstellungskraft. Das macht ja die Buchverfilmungen zu solch einem Tretminengebiet

 

Masturbation – Ferrari des authentischen Sex

Wie schon in dem wohl am knackig übertitelsten Artikel, der kurzen Lebensgeschichte jenes Blogs angeklungen, dreht sich in der 24 Bücherwoche alles um echten Sex. Also im sprichwörtlichen Sinne, denn das Thema lautet:

„Die glaubwürdigste Sex-Szene“

Ich finde das Projekt ja auch immer wieder großartig, weil es nicht nur wöchentlich vor neue spannende Herausforderungen stellt, sondern auch die Reflektion des eigenen Leseverhaltens einer Art Selbsterfahrungstrip gleicht. So durfte ich diese Woche feststellen, dass in der von mir bevorzugten Literatur scheinbar überaus wenig den fleischlichen Genüssen gefrönt wird oder sich das Thema generell irgendwie meinem Erinnerungsvermögen entzieht. Dabei ist das Thema an sich doch ein wahrer Quell an Symbolismus und Metaphorik zur Gefühlsvermittlung. Der authentische Liebesakt gar, scheint zunächst beim Nachforschen in diese Richtung literarisch kaum zu fassen. Nur wenige Lektüre zu dieser hormonstrotzenden und emotionsgeladenen Thematik schießt mir dabei durch den Kopf.

intimes Tagebuch

Das intime Tagebuch der Mu Zimei

Eine – Nein! – Die Internetbloggerin aus China, welche mit ihren privaten Einträgen zu ihrem promiskuitiven Sexualleben gar zum Staatsfeind avancierte. Das authentische Element dieser Aufzeichnung liegt wohl eher in ihrer Ansicht sich in einem totalitären System der sexuellen Freheit zu bedienen, sich wild durch alle Betten vögeln zu können. Die beschriebenen Sexszenen selbst empfand ich allerdings mehr kalt distanziert – fast schon eher öde, gehetzt und irgendwie auch traurig gefühlslos. Diese Komponente ist sicherlich auch ein Teil von authentischem Sex, vielleicht sogar ein vielfach real gelebter. Natürlich ist es auch ganz nett, dass den Klischees von rosabebrilltem Blümchensex oder dem wild ekstatischen Leidenschaften, unter denen ganze Hochäuser mitbeben und ins Schwitzen geraten, etwas entgegengesetzt wird. Allerdings ist die Entfernung zum eigenen Selbst, welche Mu Zimei ja auch mit Selbstmordabsichten liebäugeln lässt, eine Abgestumpftheit, welche zwar durchaus gelebte gesellschaftliche Realität sein wird, die Distanz zum Ich empfinde ich persönlich jedoch eben als nicht mehr ursprünglich und damit auch als irreale Abspaltung. Die trocken beschriebenen Sexualpraktiken oder die “Gefühle” dabei wirken also fast schon erschreckend pathologisch, wenn auch zeitgemäß.

Geisteskrankheiten und die sexuelle Annäherung ans Ego

Wo wir grad beim Thema sind, komme ich mal zum eigentlich passenden und dem Sextagebuch der Mu Zimei eher diametral entgegenstehenden Buch, welches sich mit der Rückkehr zum echten Leben, der inneren Freiheit und dem Ausleben wahrer Gefühle, Wünsche & Vorstellungen befasst. Als Gegenpart überaus passend. Großartiger Weise existiert hier auch eine Sex-Szene, welche wie die Faust aufs Auge auf die vorgegebene Thematik einprasselt.

freud sex geisteskrankheit

Veronika beschließt zu sterben

Das Werk wird wahrscheinlich vielen ein Begriff sein, die meisten könnten es gar gelesen, zumindest aber auch die kürzlich erschienene Verfilmung betrachtet haben. Dennoch hier ein kurzer Storyabriss: Junge Frau findet das Leben langweilig. Die vorgefertigten Bahnen beängstigend öde und beschließt daher, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Leider wird sie “rechtzeitig” gefunden und wacht in einer psychiatrischen Anstalt auf. Der Arzt verkündet ihr, dass sie nur noch wenige Tage zu Leben hätte und sie entdeckt unter all den Verrückten eine neue Perspektive und mit dieser die Lust auf das Leben, ein echtes Leben ohne Fremdbestimmung, nahe bei sich und an den eigenen Gefühlen.

Sexualtrieb als Heilmittel

Einer der ersten Schritte auf dem Weg sich die Autenthizität dessen zurückzunehmen, was man allgemeinhin so Leben nennt, ist bei Paulo Coelho die sexuelle Erfüllung. Das wirkliche Spüren des eigenen Körpers, der eigenen Lust ohne Grenzen, sozial anerzogene Hemmungen oder Kontrolle. Freud wäre glatt ein wenig stolz. Veronika beschließt auf Anraten “erfahrener Verrückter” einen wortwörtlichen Selbsterfahrungstrip mittels ausgelassener Masturbation mit Publikum zu wagen. Die Stelle, welche ich hierzu zitieren werde, artet in ihrer Länge eventuell etwas aus, allerdings möchte ich sie nicht kürzen, da das authentische Element am Liebesakt sich eben genau in dieser ausgedehnten Darstellung, dem Zeitlassen liegt. Zudem zeigt der Abschnitt einfach die vielfältigen Komponenten des Sexes, Rück- wie Entkopplung von Körper und Geist, welche ebenfalls das Echte daran verstärken, von der Albernheit bishin zur kindlichen Hilflosigkeit innerhalb des Sexualaktes an sich, den befremdlich peinlichen Gedanken drumherum, dem langsamen Loslassen und dem Abschweifen ins Tabuisierte, aber auch Triviale:

Veronika war verwirrt, doch dann war ihr wieder klar, daß sie nichts zu verlieren hatte. Sie war tot, warum sollte sie weiter Ängste und Vorurteile hegen, mit denen ihr Leben immer eingegrenzt worden war? Sie zog die Bluse aus , die Hose, den BH, den Slip und stand nackt vor ihm.

Eduard lachte. Sie wußte nicht worüber, stellte einfach fest, daß er gelacht hatte. Vorsichtig nahm sie seine Hand und legte sie  sie auf ihr Geschlecht. Die Hand blieb dort reglos liegen. Veronika überlegte es sich anders und schob die Hand wieder weg.

Etwas erregte sie viel mehr, als wenn sie körperlichen Kontakt mit dem Mann gehabt hätte. Die Tatsache, daß sie machen konnte, was sie wollte, daß es keine Grenzen gab; außer der Frau, die jeden Moment hereinkommen konnte, war um diese Zeit wahrscheinlich niemand mehr wach.

Ihr Blus floß schneller, und das Frösteln, das sie empfunden hatte, als sie sich auszog, verschwand wieder. Die beiden standen voreinander, sie war nackt, er vollständig angezogen. Veronika ließ die Hand herunter zu ihrem Geschlecht gleiten und begann sich selbst zu befriedigen. Sie hatte das schon früher getan, allein oder mit einigen Partnern, doch nie in einer Situation wie dieser, wo der Mann nicht das geringste Interesse en dem zeigte, was gerade geschah.

Und das war erregend. Sehr erregend. breitbeinig stehend berührte Veronika ihr Geschlecht, ihre Brüste, ihr Haar und gab sich hin, wie sie sich nie zuvor hingegeben hatte, weniger um zu sehen, ob sie diesen Jungen aus seiner fernen Welt herausholen konnte, sondern weil sie so etwas noch nie erlebt hatte.

Sie begann zu reden, undenkbare Dinge zu sagen, die ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Vorfahren für den größten Schmutz auf Erden gehalten hätten. Der erste Orgasmus kam, und sie biß sich auf die Lippen, um nicht zu schreien. Eduard blickte sie an. In seinen Augen war jetzt ein anderes Leuchten, als verstünde er etwas, auch wenn er möglicherweise nur die Energie, den Schweiß, den geruch, die Hitze wahrnahm, die ihr Körper ausstrahlte. Veronika war noch nicht befriedigt. Sie kniete nieder und begann sich wieder selbst zu befriedigen.

Sie wollte sterben, während sie der bis heute verbotenen Lust frönte: Sie flehte den Mann an, sie zu berühren, sie zu unterwerfen, sie zu allem zu benutzen, wozu er Lust hatte. Wollte, daß auch Zedka da wäre, weil eine Frau besser als jeder Mann weiß, wie sie den Körper einer anderen Frau berühren mußte, da sie alle Geheimnisse kannte.

Sie kniete vor Eduard nieder. Ihr war, als würde er sie besitzen und berühren, und sie gebrauchte obszöne Worte, um zu beschreiben, was sie von ihm wollte. Ein neuer Orgasmus kam, stärker als der letzte, als würde alles um sie herum gleich explodieren. Sie erinnerte sich an den Herzanfall, den sie am Morgen gehabt hatte, doch das war jetzt unwichtig, sie würde voller Lust sterben, explodieren. Sie fühlte sich versucht, Eduards Geschlecht zu packen, das sich direkt vor ihrem Gesicht befand, doch sie wollte nicht Gefahr laufen, diesen Augenblick zu zerstören. Sie ging weit, viel weiter, genau wie Mari gesagt hatte.

Sie stellte sich vor, Königin und Sklavin zu sein, Beherrscherin und Beherrschte. In ihrer Phanthasie machte sie Liebe mit Weißen, Schwarzen, Gelben, Homosexuellen, Bettlern. Sie gehörte allen und alle konnten alles mit ihr machen. Sie hatte nacheinander zwei, drei Orgasmen. Sie phantasierte sich, was sie sich nie zuvor vorgestellt hatte – und gab sich dem Gemeinsten und Reinsten hin, das es gab. Am Ende konnte sie sich nicht mehr beherrschen und schrie laut, vor Lust, vor Schmerz, wegen der aufeinanderfolgenden Orgasmen, wegen der vielen Männer und Frauen, die ihren Körper besessen hatten, indem sie sich ihres Geistes bemächtigten.

Insgesamt rutscht der Text immer wieder ab in die Banalitäten von Beschreibungen, die sexueller Lust nunmal eigen zu sein scheinen. Insgesamt ist die Reflektion dessen aber irgendwie gelungen und der Aufbau, der in gewisser Weise einer Art Teufelsaustreibung der gesellschaftlichen Normen und des wohlgesitteten Anstands gleicht, erscheint mir zumindest weitestgehend realistisch umgesetzt zu sein.

Sex

….wäre das Thema der 24. Bücherwoche beim Frau Doktor (strg c) Doktor (geguttenbergt) Fellmonsterchen gewesen. Noch bin ich aber nicht auf das passende Buch gekommen. Ein anderes Werk blockiert derzeit noch meine Gedankenstränge. Also immer raus mit allem, was keine Miete zahlt, den Titel behalten wir trotzdem, weil Körper, die sich wild in Ekstase umeinander winden, sollen ja monetär ganz gut zu verarbeiten sein. Sex sells und daher bin ich grad glatt am Überlegen, ob man nicht in Zukunft allen Artikel derartige Titel geben sollte – natürlich nie ohne den passenden Bezug zur Welt der Online Rollenspiele zu verfehlen. Die nächsten Titel könnten also in etwa lauten:

  • Ich vögelte einem Ork das Hirn raus und entdeckte nebenbei, dass sie doch eines besitzen
  • Paladin-Pornos – standesgemäße Kopulation
  • Sex mit Tieren (aber nur virtuelle – alles andere is pfuibah) – Leitfaden zum richtigen Reiten eures Mounts
  • Je kürzer der Schwanz – desto länger der Titel (eine Hommage an alle Würdenträger und meine Überschriften)
  • Cyber-Sex im Gildenchat – wie entledige ich mich nachhaltig lästigen Onlinebekanntschaften

Zurück zum eigentlichen Thema – ich möchte mich in meiner epochalen Aufholjagd nun dem Thema der 2. Woche des Bücherprojekts widmen

Da wie schon erwähnt mein eigentliches Buch dem Osterthema zum Opfer fiel, musste ich umdenken. Ich Schelm tat das aber schon vorm Verfassen des gestrigen Artikels (nur deswegen konnte ich mich überhaupt dazu durchringen, Das geheimnisvolle Leben der Bücher vorher schon preiszugeben ;) ).

Bevor ich das Geheimnis verrate, noch ein kleines Rätsel, denn das wirkt zum einen viel geheimnisvoller und ist quasi schon Hinweis zum Buch und irgendwie auch ein kleiner Bogen zum Bonusthema:

Welches ist das beliebteste Kostüm, wenn Kinder Fasching feiern?

Ja, Sie da hinten?! Nein, “Prinzessin” ist schonmal falsch, das ist eine modische Verirrung, welche der zwanghaften geschlechtlichen Sozialisierung innerhalb unserer heteronormativen Gesellschaft geschuldet ist. Das zählt nicht!

Indianer natürlich!

So und da sind wir auch schon beim Thema:

Carlos Castaneda: Die Lehren des Don Juan

…und alle nachfolgenden Bände dieser Reihe

Ein wahrhaft nebulös mysteriöses Werk – also eigentlich alle Bücher dieses Mannes, die allesamt von den Erlebnissen Castnedas(?) erzählen, nachdem er bei dem Schamanen Don Juan Matus, einem übergebliebenen Tolteken des präkolumbischen Mexikos in die Lehre geht. In meiner Erinnerung geschieht dies ursprünglich aus einem recht profanen Grund, nämlich um einen geistigen Führer für den richtigen Gebrauch von Zauberpilzen, oder dem ähnlich psychoaktiven Peyote oder San Pedro Kaktus auf die Spur zu kommen.

Vielleicht ist das auch alles bösartige Unterstellung meinerseits, aber der Protagonist wollte einfach nur high werden und sucht einen spiritistischen Vorwand zum Drogenkonsum. Der gute Don Juan bringt dem jungen Mann aber erstmal allerlei Zeugs bei und schickt ihn samt Leser quasi auf einen völlig nüchternen Drogentrip. Alles sehr verwirrend, aber das Lesen macht unheimlich viel Spaß. Wer sich danach dabei erwischt, wie er auf dem Boden kugelt, damit man nicht direkt irgendwo hinzusehen kann, um damit dann indirekt ach-ich-weiß-gar-nicht-mehr-was zu sehen, was einem erwachsenen Menschen ohne diese Technik jedoch unmöglich wäre, da wir zu sehr gesellschaftlich genormt und geformt sind, der wurde schon von dem Geist dieses trippigen Werkes gepackt. Die geheimnisvolle Welt der Wahrnehmung in welche uns die Lehren des Don Juan da so einweihen, muten ein wenig wie eine Mischung aus Esoterikspinnerei, Kampfsport, Vollrausch und Wahnwitz an. Man kann sich also gut aufgehoben fühlen und auch ein wenig rumprobieren – inwiefern die Tipps und Anweisungen des Indianerhäuptlings tatsächlich zu Bewusstseinsveränderungen führen, oder  ob er dem Protagonisten doch heimlich BTM-suspekte Substanzen in den Tee gemischt hat, kann man nur mit dem Motto probieren geht über studieren erfahren. In jedem Falle befreit es den geist ein wenig vom Grauschleier des allzu Alltäglichen.

Super, da haben wir doch fast das magische Dreieck gezaubert – mysteriös, mysteriös:

Sex & Drugs haben wir schonmal ….fehlt nur noch der Rock’n'Roll, Baby :)

Religion der Bücher

Verdammte Axt! Woche 23 im Projekt der 52 Büchern – diese Zahl kann ja nur Unheil bringen. In diesem Fall durchkreuzt mir das Thema

Eier, Religion, Hasen, Feuer, Urlaub

mein ursprünglich zur Aufholjagd vorgesehenes Thema. Das folgende Buch hätte auch herrlich in die 2. Woche mit dem Motto

“Psssst, jetzt kommt ein Geheimnis!”

gepasst. Aber dann würde ich die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, alle fünf so unvereinbar scheinenden Stichworte der magischen 23 mit einem Streich zu erwischen. Dies widerum ist mir ein tiefes inneres Bedürfnis.

Daher gewähre ich diese Woche einen kleinen Einblick in

Das geheime Leben der Bücher

Zunächst ein paar Jubelstürme: Oh, welch zutiefst lyrisches, kurzweiliges und umwerfend poetisches Büchlein!

Ostergeheimnis Buch

Das Cover sprach mich erst nach dem Lesen an ....obwohl - NEIN - danach brüllte es vielmehr still

Das geheime Leben der Bücher ist ein geräuschvolles Buch voller tiefenentspannender Stille, dessen Geschehen sich am stetigen Dingelingdingeling der Türglocke jener Buchhandlung entlangrankt. Eine Buchhandlung, die niemals geschlossen hat, da der Buchhändler den Gedanken nicht erträgt, jemand könnte auf der Suche nach einem Buch vor verschlossenen Türen stehen. Dennoch ist er nicht Mr. Altruist in Persona, so kommt es auch schon mal zu einer Schlägerei mit einem Kunden, weil dieser ein bestimmtes Buch kaufen möchte, welches der Buchhändler jedoch schlichtweg nicht hergeben mag. Die Liebe zum geschriebenen Wort strömt in diesem Werk aus jeder einzelnen Zeile und wem vorher noch nicht klar war, wie magisch Lesen sein kann, wer dieses Wissen vielleicht vergessen, vergraben, verdrängt hat, den trifft diese Erkenntnis wieder wie ein sanfter Donnerschlag.

Über Ostern genehmigte ich mir jenes Werk als köstliche Beilage zu einem entspannenden Kurzurlaub. Ich las im flackernden Schein des Osterfeuer über die kruden Eigenheiten & Marotten des anonymen Buchhändlers, der Seiten aus den Büchern reißt, wenn diese ihm nonverbal vermitteln, dass sie in die Hände seiner Geschwister gehören, denen er sie dann kommentarlos schickt. Selbst während der Eiersuche war es kaum möglich das denkwürdige kleine Fundstück der Surrealität zwischen zwei Buchdeckeln aus den Händn legen. Den Auftritt des Osterhasen verpasste ich wie jedes Jahr, doch diemal glücklich vertieft in die Welt der kleinen Buchhandlung, in welcher Bücher atmen, Gott mal angepisst, mal wohlwollend ein- und ausgeht und die Philosophie in den Regalen schlummert. Da guck, die ersten Stichworte sind schon weg – Feuer, Eier, Hasen & Urlaub – war bestechend einfach, weil sich ja die äußeren Umstände doch alle wieder irgendwie auf Ostern zurückführen lassen, so abwegig waren die kleinen Themenpunkte da wohl gar nicht gewählt. Und auch wenn das Osterfest an sich ursprünglich einen tief christlichen Ursprung hat und damit der Religion locker alle Türen und Tore geöffnet sind, so einfach möchte ich es mir dennoch nicht machen. Denn auch Das geheimnisvolle Leben der Bücher bietet in dem zunächst zusammenhanglos wirkenden Wust aus winzigen abstrusen Alltagsbetrachtungen und Kurzgeschichten, welche sich letztendlich doch zu einer grandiosen Geschichte voller Schönheit, Fantasie und Tragik formen, einen wunderbaren kleinen Ausflug in die Welt der Religion. Wir folgen den Gedanken des Buchhändlers, was nahezu das gesamte Leseerlebnis prägt, da er aber völlig in der Welt seiner Bücher aufgegangen ist, sich selbst auch schon als gestorben betrachtet, hängen wir einer vielseitigen Gedankenwelt nach, zusammengesetzt aus einer fantasievollen Mischung der epischsten Romanen und den irrwitzigen Banalitäten des Alltags, welche aus einem wunderbar anregenden authentischen und ebenso beruhigend irrealen Blickwinkel betrachtet werden.

Achja der Religionsaspekt: Eine nichtssagende kleine Ansicht, die sich dahinplätschernd in die restlichen Geschehnisse eingliedert. Zusammengefasst ohne zuviel zu verraten, lediglich der Glaube, welchem der Buchhändler bezüglich eines Lebens nach dem Tode nachhängt. Einfach aber wirkungsvoll beschrieben, erwartet einen jeden genau das nach dem Lebensende, was man sich zu Lebzeiten ausmalt – und so malt der Buchhändler emsig in Gedanken. Und auch wenn die Konstrukte “Himmel & Hölle” damit nur auf jene warten, welche eben daran glauben, sitzt Gott gern in der Buchhandlung rum, auch wenn er ab und an beleidigt die Buchhandlung verlässt.

Das Übermaß an Personifizierungen weckt soviel Leben auf den doch bedauerlich wenigen Seiten dieses außergewöhnlichen Büchleins, dass es einem beim Lesen vor Lebendigkeit überall kribbelt.